Mehrdeutige Schatten
Viktor Frankl war nicht nur Arzt und Denker, er war nicht nur Theoretiker – er musste mit der unmenschlichen, ja geradezu der untermenschlichen Seite des Lebens schmerzliche Bekanntschaft schließen. Als Wiener Jude wurde er während des zweiten Weltkriegs verschleppt und hat längere Zeit in verschiedenen Konzentrationslagern zubringen müssen.
Wie er selber später sagte, hat er überlebt, weil er Kraft fand, nicht nur dem Hunger und der Kälte, sondern auch der Angst und der Demütigung zu trotzen. Er erfand den dazugehörenden Namen, das geflügelte Wort von der Trotzmacht des Geistes.
Genau dies wurde ihm zum größten Anliegen.
Er wolte zeigen, dass das mechanistische Bild von der Welt gerade das Wesentliche am Menschen vergessen lässt. Mit einer Metapher, einem Bild von verschieden geformten Gegenständen, die – entsprechend angeordnet – gleiche Schatten werfen, versuchte er zu verdeutlichen, dass identische Bilder mehrdeutig sein können, ohne sich zu widersprechen.
Ein runder Schatten kann von verschiedenen geometrischen Figuren kommen, ich kann nicht daraus schließen, ob es sich um eine Kugel, einen Zylinder oder gar um einen Kegel handelt.

Ob es ein geschlossener Körper oder ein offenes Gebilde ist wie ein Trinkglas, das kann ich erst recht nicht erkennen. Darüber hinaus kann ein und derselbe Gegenstand ganz unterschiedliche Schatten werfen.
Was will Frankl uns damit sagen?
Wenn wir uns von den gleichförmigen Schattenbildern zum Narren halten lassen, bleiben wir im Glauben, das menschliche Wesen erstrecke sich nur auf die biologische und auf die psychologische Ebene. Dann verkürzen wir ihn, wir reduzieren ihn und lassen sein Wesentliches unbeachtet.
Projektionen des menschlichen Wesens und Verhaltens in die biologische Ebene ergeben demnach körperliche Phänomene, Projektionen in die psychologische Ebene ergeben psychische Phänomene.

Und wo kommt die Trotzmacht her?
Das wollen wir in der nächsten Folge darstellen.