Drogen für die Kinder?
In diesen Tagen gehen merkwürdige Nachrichten durch die Schweizerische Presse. Da ist die Rede von Lehrern, die darauf pochen, dass ‘auffälligen’ Kindern das Medikament Ritalin verabreicht wird. Jetzt ist bekannt geworden, dass überforderte Lehrer mindestens in einigen Fällen die Versetzung oder die Teilnahme an Schulanlässen wie Lagern oder Wanderungen von einer Medikation der Kinder abhängig machen und damit Druck auf die Eltern ausüben.
Erst jetzt kommt an die Öffentlichkeit, dass solches in den letzten Jahren nicht sehr häufig, aber doch immer wieder vorgekommen ist. Eltern, die sich mit der erzwungenen Medikation nicht abfinden wollen, sind gezwungen, sich auf juristischem Wege zu wehren.
Wir wissen alle, dass dasjenige, was uns die Medien servieren, immer nur höchstens die halbe Wahrheit ist - nicht weil die Medien die Unwahrheit sagen würden, sondern weil meist nur die Hälfte der Umstände bekannt ist und weil die Dinge meistens viel komplizierter sind, als unsere kurzgebundene Aufmerksamkeit zunächst ahnt. Bei einem solchen Thema ist das wahrscheinlich erst recht so.
Zwangsmedikation von tobenden Kindern? Die Ämter dementieren natürlich, und verweisen auf die üblichen Sicherheitsregeln. Sie lassen verlautbaren, dass es für den Umgang mit ‘auffälligen Kindern’ keine Richtlinien gibt, “unabhängig ob es sich um ein ADHS-Kind handelt oder nicht, ob mit Ritalin oder ohne”. (Volksschulamt Zürich) Sie sagen aber auch, dass die Verantwortung bei den Lehrern liegt, und dass die Lehrer durchaus Verbote aussprechen können. Sie argumentieren dabei unter anderem mit dem erhöhten Unfallrisiko.
Nun, wer schon einmal eine Klasse mit aufgedrehten, kopflosen und chaotischen Schülern erlebt hat, der weiß, dass das für die Lehrer kein Zuckerschlecken ist. Und dass solche Kinder nicht nur nerven können und für das Umfeld eine große Belastung sind, sondern auch tatsächlich größeren Gefahren ausgesetzt sind als die ruhigeren Kameraden, vor allem bei Klassenreisen, das wird niemand ernsthaft bestreiten wollen.
In diesem Zusammenhang ist es aber gut zu wissen, dass bei der Diagnose von ADS (5 - 10% der Kinder) sich nicht nur alle Interessensgruppen, sondern auch die Ärzte uneinig sind. Und auch die Phänomene können sehr unterschiedlich sein: Bei manchen Kindern steht die motorische Unruhe im Vordergrund, bei anderen das Verträumte, bei wieder anderen die ungebremste Impulsivität, die zu ständigen Konflikten führt.
Also: was ist ADS überhaupt? Und wo setzt der Lehrer die Messlatte an? Werden die Diagnosen vom Kulturkreis, in dem wir leben, beeinflusst? Wie kann ich den Lehrer verstehen? Ist er an der Grenze seiner Fähigkeiten und seiner Geduld angelangt? Können ihm die Zustände nicht mehr zugemutet werden? Oder will er einfach möglichst bequeme Normkinder in der Klasse haben? Wer kann das überhaupt beurteilen? Ist es so, wie gelegentlich alarmierte Eltern sagen, dass die Kinder halt manchmal schwierigere Phasen durchmachen, lebendiger oder gar rebellischer sind, und dass man als Lehrer mit aller dieser Problematik umgehen können muss? Auch ohne den Kindern Ritalin verschreiben zu wollen?
In freier Abwandlung eines berüchtigten Persönlichkeits-Tests könnte man sagen: sei du so wie ich, und dann bist du normal. (Szondi)
Das ist lustig und schaurig zugleich.
Verschreiben kann Ritalin jeder Hausarzt. Damit aber die Versicherung in der Schweiz die anfallenden Kosten trägt, muss ADS bis zum 9. Lebensjahr eines Kindes erkannt und als ein angeborenes Gebrechen diagnostiziert werden. Und das ist nur eine Seite der Medaille. Ritalin kann nämlich bei Falschdosierung Nebenwirkungen hervorrufen, die schlimmer als das eigentliche ADS sind. Offensichtlich warnen viele aus gutem Grund vor einer allzu hemdsärmeligen Verschreibungspraxis.
Kinderärzte drücken sich da ganz vorsichtig aus. Sie sind besonnen und sagen, dass kein Kind allein aufgrund eines Vorschlags von Lehrpersonen mit Medikamenten behandelt werden dürfe. “Es braucht eine ärztliche Verschreibung, beispielsweise von einem Kinderarzt oder einem Kinderpsychiater”, sagt Daniel Frey, Kinderarzt und Direktor der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich.
So weit, so gut. Wenn aber im Interesse einer äußeren Sicherheit die Abgabe von Medikamenten mit Sanktionen erzwungen werden soll, dann wird es nicht ausbleiben, dass Eltern auf die Barrikaden gehen und sich wehren. Sie werden argumentieren mit Gleichmacherei und staatlicher Repression. Und sie werden darauf hinweisen, dass Staat und Behörden die zwangsweise Verordnung von Drogen fördern. Ritalin wird ja schließlich auf dem Schwarzmarkt als Aufputschmittel gehandelt.
Quelle unter anderem:
Basler Zeitung http://bazonline.ch/schweiz/standard/Kein-Ritalin-keine-Schulreise/story/21281735